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Arbeitsblatt:Else Baker
Dieses Arbeitsblatt beschäftigt sich mit der Geschichte von Else Baker während des Nationalsozialismus. Anhand ihrer Erfahrungen wird die Verfolgung von Sinti und Roma nachvollziehbar gemacht. Schülerinnen und Schüler setzen sich mit historischen Ereignissen und persönlichen Perspektiven auseinander.
Bereich
Module für Schüler*innen
Klassenstufe
Sekundarstufe II
Materialformat
Arbeitsblatt
Themen
Porajmos, Nationalsozialismus & Verfolgung
Personen
Else Baker
Else – Verfolgung im Nationalsozialismus
Früh morgens wurde ich abgeholt… wir mussten in Viehwaggons einsteigen… ich hatte großes Heimweh… ich war ganz allein, ohne jemanden, der sich um mich kümmerte.
Personen
Else Baker
Else Baker (geb. 1935 in Hamburg) ist eine deutsche Sintizza und Überlebende des nationalsozialistischen Völkermords an Sinti und Roma. Als Kind wurde sie von den Nationalsozialisten verfolgt und im Alter von acht Jahren nach Auschwitz deportiert, später auch in das Konzentrationslager Ravensbrück. Sie überlebte die Lager unter extremen Bedingungen. Erst viele Jahre später begann sie, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Heute engagiert sie sich als Zeitzeugin, um an die Verfolgung von Sinti und Roma zu erinnern.
Quellmaterialien
Interview: Else BakerZeitzeugin und deutschen Sintizza (geb. 1935)
Dieses Interview gibt einen persönlichen Einblick in das Leben von Else Baker während des Nationalsozialismus. Sie berichtet von ihrer Kindheit, ihrer Deportation und ihren Erfahrungen in Konzentrationslagern. Leserinnen und Leser lernen die historischen Ereignisse aus einer individuellen Perspektive kennen.
Kindheit
Ich bin in Hamburg sozusagen auf dem Land aufgewachsen. Dadurch habe ich auch immer sehr viel draußen gespielt und kann mich an Kornfelder und große Bäume erinnern. Zuerst hab ich in Lurup und später in Osdorf gewohnt. Das sind Vororte von Hamburg. Da war es sehr idyllisch. 1941 bin ich mit sechs Jahren in Osdorf in die Schule gekommen. Das war eine große Schule. Schultüten, die die Kinder normalerweise bei der Einschulung bekommen, die gab es nicht, denn es war ja während des Krieges. Aber ich habe eine sehr hübsche Strohtasche bekommen. Die war natürlich auch schon ziemlich schwer zu bekommen. Sie war mit allem möglichen gefüllt, mit Keksen, Äpfeln und Süßigkeiten. Das war 1941 etwas Besonderes.
Mein Pflegevater wurde 1889 geboren und meine Pflegemutter 1892. Sie hatten natürlich andere Vorstellungen, wie Kinder aufgezogen werden sollten als heutzutage. Man durfte z.B. niemals widersprechen. Wie das eben zu der Zeit war. Man musste gehorchen. Das galt genauso für ihre Kinder wie für mich. Sie waren nicht besonders liebevoll. Auch nicht mit ihren eigenen Kindern. Das lag dieser alten Generation nicht. Das gab es nicht, dass man auf dem Schoß saß oder so.
Die Schule war ganz in der Nähe, ungefähr fünf Minuten zu Fuß. Ich hatte Freundinnen und ich hab eben sehr viel draußen gespielt.
Fruchtschuppen
Dass ich da wegkam, kam wie aus heiterem Himmel. Wenn man später darüber nachdenkt und auch jetzt noch, ist es sehr dramatisch gewesen, weil ich mit einem Mal von den Eltern weggenommen wurde und ins Konzentrationslager kam. Ich hab das ja zweimal erlebt. Das erste Mal war es 1943. Kriminalbeamte haben mich früh morgens aus der Wohnung meiner Pflegeeltern abgeholt. Sie hatten lange Ledermäntel an. Meine Pflegeeltern waren völlig aufgeregt. Als sie mich adoptiert hatten, hat man gesagt, dass ich ein „arisches“ Kind bin. Ich hatte ja auch ganz hellblonde Haare und blaue Augen. Sie wussten also gar nicht was los war, als man ihnen sagte, dass ich „Viertel-Z**“ bin. Mein Pflegevater hat sich dann sofort frei genommen von der Arbeit und hat sich den ganzen Tag bemüht rauszufinden, wo die mich hingebracht haben und was das Ganze soll. Er ist zu Ämtern und Kriminalräten usw. ohne Anmeldung einfach hingegangen. Er hat einfach die Tür aufgemacht und ist reingegangen und hat gefragt, was los ist, das gibt es ja nicht usw. Und 43 ist es ihm gelungen, also beim ersten Mal, wo man mich abgeholt hat, dass er, nehme ich an, ein Stück Papier von irgendeinem Kriminalrat bekommen hat und dass er mich damit aus dem Fruchtschuppen am Hafen, von dem die Transporte abgingen und wo ich war, wieder abholen konnte. Das war da ein riesiger Raum, eine riesengroße Halle. Da hatten mich die Kriminalbeamten hingebracht. Ich hatte damals keine Ahnung, was Kriminalbeamte waren. Mit der Straßenbahn sind die mit mir dahin gefahren. Die kamen nicht mit dem Auto. Mit der Straßenbahn. Die kamen natürlich morgens ganz früh, als es noch dunkel war. Um vier Uhr morgens. Da mussten wir noch eine ganze Weile warten, bis die erste Straßenbahn kam. Die Sammlungsstelle war am Hafen. Das war sehr groß und ich erinnere, dass sehr viele Leute da umherliefen. Und Schreierei von Kindern und Leute hab ich gesehen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte, z.B. alte Sinti- Frauen, die Pfeifen rauchten und Kinder, die für mich aussahen als wären sie zwölf oder so, die rauchten auch Zigaretten. So was hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Und einige waren eigenartig angezogen. Ich hatte keine Ahnung, was los war. Ich war wie Alice im Wunderland. Ich kann mich nicht genau daran erinnern, wie mein Pflegevater mich da am Nachmittag abgeholt hat. Aber plötzlich muss er irgendwie da gewesen sein und meine Hand genommen haben. Und wir sind wieder nach hause gegangen. Wieder mit der Straßenbahn. Und zu hause hat er zu mir gesagt, dass das alles ein Versehen war. „Alles ist jetzt in Ordnung“, sagte er. Ich bin am nächsten Tag wieder in die Schule gegangen, ganz normal.
Auschwitz
Ein Jahr später, 1944, war dann das Gleiche wieder. Früh morgens wurde ich von zwei Männern abgeholt. Das waren wieder Kriminalpolizisten. Meine Mutter weinte. Vater war auch ganz aufgeregt. Mutter zog mich mit zitternden Händen an. Sie packte einen kleinen Koffer für mich. Dadurch, dass das nun das zweite Mal war, nehme ich an, dass sie wussten, dass es dieses Mal schlimm sein würde. Schlimmer als das erste Mal. Mein Vater ahnte wohl, dass es ihm nicht gleich gelingen würde, mich gleich am selben Tag wieder herauszubekommen. Sie haben mir dann gesagt, dass ich da meine richtige Mutter jetzt treffen werde, wo ich hinkomme. Im Nachhinein denke ich, es wäre vielleicht besser gewesen, wenn sie das nicht gesagt hätten, wenn sie nichts gesagt hätten. Aber sie haben gesagt, wo ich jetzt hingehe, da werde ich meine richtige Mutter treffen. Das verstand ich überhaupt nicht. Zu der Zeit glaubte ich noch an den Klapperstorch. Mit anderen Worten „richtige Mutter“, das war überhaupt kein Begriff für mich. Das hat mich nur total verwirrt. Das hat mich traumatisiert. Es gibt Details, an die man sich als Kind ganz besonders erinnert: So hatte ich meine Adoptiveltern beim Gehen immer an der Hand genommen, um nicht verloren zu gehen. Ich kann mich noch deutlich erinnern, dass ich die Hand eines der Gestapomänner gesucht habe, um sie anzufassen, doch er hat meine Hand weggestoßen. Das sind so kleine Dinge, an die ich mich ganz genau erinnern kann. Denn für mich als Kind waren sie groß.
Und dann ging es wieder los, wieder mit der Straßenbahn und wieder da hin, zum Hafen in die riesige Halle. Und wie gesagt, meinem Vater ist es nicht gelungen, mich wieder da raus zu holen. Wir mussten in Züge einsteigen. Ich hab in der Erinnerung, dass genauso viele Menschen da in der Halle waren, wie beim ersten Mal 1943. Aber es ist durchaus möglich, dass ich mich geirrt habe, dass da vielleicht nicht so viele waren wie beim ersten Mal. Vielleicht kommt es einem als Kind so vor. Ich meine, der Unterschied für eine Achtjährige, ob da 50 Leute sind oder 1000 ist vielleicht nicht sehr auffallend. Als Kind sieht man ja nicht um die Ecken, man sieht nicht weiter, sondern erlebt alles, was um einen herum ist sehr intensiv. Das Gehirn ist ja noch nicht so weit entwickelt. Ich war auch noch krank, ich hatte die Masern und ich hatte keinen Erwachsenen, den ich kannte, der sich um mich kümmerte. Schließlich wurden wir in Viehwagen mit Stroh gesteckt. Meine Adoptiveltern hatten mir einen kleinen Koffer mit Kleidungsstücken mitgegeben. Am Körper trug ich meine besten Sachen. Dann rollte der Zug an. Wir fuhren viele Stunden und hatten großen Durst. An der Schiebetür war ein Mann mit Uniform, der hatte einen Wasserkessel und eine Kelle, man konnte zu ihm hingehen und aus der Kelle Wasser trinken. Die sanitären Anlagen waren auch in der Nähe der Tür. Wenn ein Erwachsener sie benutzen wollte, ist ein anderer mitgegangen und hat eine Wolldecke vorgehalten. Ich habe natürlich gleich schreckliches Heimweh bekommen, war ich doch zuvor noch nie von meinen Adoptiveltern weg gewesen. Ich kann mich auch noch an die Zugfahrt erinnern. Die war furchtbar. Furchtbar. Das war sehr lange. Da war nur Stroh. Es gab kein Wasser zum Waschen. Der Zug hielt immer an und stand dann sehr lange. Vielleicht um andere Transporte durchzulassen.
Wir durften höchstens ein oder zwei Mal aussteigen. Doch ich selbst bin nicht ausgestiegen, denn wir hielten ja nicht auf Bahnsteigen, und die Stufe war so hoch, dass ich Angst hatte, alleine nicht wieder auf den Wagen heraufzukommen. Ich kann mich an zwei Nächte erinnern, an zwei dunkle Himmel. Das war eine sehr lange Reise. Und ich hatte Heimweh. Das ist etwas, woran ich mich genau erinnere. Ich weiß noch, dass ich durch die Lücke von diesen schweren Schiebetüren in dem Viehwaggon geguckt habe, die waren etwas geöffnet, so ungefähr 10 cm, um Luft herein zu lassen, denn die Wagen hatten ja keine Fenster. Ich kann mich erinnern, dass ich den dunklen Himmel sah, den Nachthimmel mit Sternen. Ich wusste schon als achtjähriges Kind, dass die Sterne von jeder Ecke in der ganzen Welt gesehen werden können, dass man von überall die gleichen Sterne sehen kann. Das musste mein Vater mir erzählt haben. Und ich weiß noch, dass ich gedacht habe, dass meine Mutter, mein Vater und meine Schwestern die gleichen Sterne sehen können wie ich. Ja, und ich hatte Heimweh. An die Ankunft in Auschwitz kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Das muss so traumatisch gewesen sein, nehme ich an. Wie das genau vor sich ging, weiß ich nicht mehr. Vor sechs Jahren ungefähr ist es mir erst langsam bewusst geworden. Davor hab ich das alles verdrängt gehabt. Die ganzen schlimmen Sachen, die in meinem Kopf waren. Ich kann mich an das Aussteigen überhaupt nicht erinnern. Ich kann mich aber an Sachen erinnern, die hinterher in Auschwitz passierten. Nach dem Aussteigen. Das Aussteigen muss irgendwas mit Schäferhunden zu tun gehabt haben, denn mein ganzes Leben lang habe ich große Angst vor Schäferhunden. Ich kann mich erinnern, dass wir irgendwo rein mussten, uns ausziehen mussten. Unsere Klamotten wurden alle auf einen großen Haufen geschmissen. Und weggenommen zum Entlausen, das hörte ich, das Wort griff ich auf, weil die Erwachsenen darüber sprachen. Meinen Koffer haben sie mir weggenommen. Dann mussten wir uns duschen. Ich hatte mich noch nie geduscht, ich hatte noch nie in meinem Leben eine Dusche gesehen. Ich hab andere Leute beobachtete, wie die das machten. Duschen. Wir hatten keine Handtücher. Handtücher gab es nicht. Da stand man einfach nur nackt und nass und wartete, bis die Sachen vom Entlausen zurückkamen. Und dann haben Leute sich mit Kleidungsstücken etwas abgetrocknet. Und ich war natürlich so naiv. Ich hab diesen großen Haufen mit Kleidungsstücken angesehen und hab darin nach meinen eigenen Kleidungsstücken gesucht, was natürlich das Verkehrte war. Denn der Haufen wurde immer kleiner und kleiner, weil sich alle etwas nahmen. Dann waren nur noch sechs oder sieben Kleidungsstücke auf dem Fußboden. Eine Sinti-Frau kam schließlich zu mir und sagte, dass ich irgendwas nehmen sollte. Und ich hab ihr gesagt „Ich suche nach meinen eigenen Sachen.“ Ich hab dann doch irgendwas genommen, ob es passte oder nicht. Meine Schuhe, mein Koffer, das alles war ja weg. Ich hatte auf der Fahrt Skistiefel an. Das war was ganz Besonderes in der Kriegszeit. Die waren aus Leder. Richtige Skistiefel. Es war April. Meine Skistiefel waren weg. Ich habe keine Schuhe gefunden. Meine Sachen waren alle weg. Ich weiß nicht genau, was ich dann angezogen hab.
Nachdem wir alle duschen mussten, gingen wir durch eine Straße, links und rechts standen Baracken, in eine dieser Baracken kam ich. An die Nummer der Baracke kann ich mich nicht mehr erinnern. (…) Vorher wurden wir aber noch alle tätowiert. Ich bekam die Nummer „Z 10540“ auf meinen Arm.
Dann kam Wanda. (…) Wanda sagte „Du kommst jetzt mit mir.“ Daran erinnere ich mich noch ganz genau. Und dann bin ich mit ihr gegangen. Ich war nicht zutraulich oder ängstlich, ich war gar nichts. Ganz ohne Gefühl. Im tiefen, tiefen Schock. Wanda hat mich zu ihrer eigenen Baracke mitgenommen. Sie war ein Kapo. Und sie hatte Privilegien. Und sie hatte ihren eigenen kleinen Raum. Das war ein Anbau an einer Baracke. Das war ein ganz kleiner Raum aber es war ihr eigener Raum. Sie war nicht in den furchtbar großen Baracken. Und sie hatte da ein Bett, ein normales Bett, einen Tisch und ein paar Regale und sogar noch einen Stuhl. Und sie hatte ein Fenster. Mit Glas. Ich hab auf ihrem Tisch geschlafen. Sie hatte sogar einen kleinen Teppich. Mit dem Teppich hab ich mich zugedeckt. Das war meine Decke. Das war aber wesentlich besser als in den Baracken, wo die Wolldecken so dreckig waren, dass sie steif wie Filz waren.
Ich bin dann in diesem Raum bei Wanda bis August 1944 in Auschwitz geblieben. Ich kann mich daran erinnern, dass Wanda Sachen zu essen hatte, die die anderen nicht hatten. (...) Ich weiß noch, dass sie eine große Dose mit Pflaumenmus hatte. Und ich kann mich dran erinnern, dass ich einen Kranz aus Gänseblümchen gemacht habe für ihre Haare. Ich kann mich auch daran erinnern, dass ich manchmal gesungen hab. Ich durfte auch rausgehen. Wanda hat mir gesagt, dass ich nicht in die anderen Baracken gehen soll.
Ravensbrück
Am 2. August 44 wurde das Lager Auschwitz aufgelöst. Da wurden wir wieder transportiert. Aber nicht alle. Die meisten sind getötet worden. Ich bin nicht mit Wanda auf den Transport gekommen, sondern allein. Als Auschwitz aufgelöst wurde, da ging alles drunter und drüber. Alles war noch wesentlich schlimmer als es vorher war. Man kann es sich kaum vorstellen, aber es war tatsächlich so. Denn die Büros von den Bewachern, die Küchen, da waren ja Küchen, man bekam ja einmal am Tag was zu essen, das wurde alles aufgelöst. Das Wasser war abgestellt. Und Wanda hat zu mir gesagt, „Du bist jetzt wieder allein, du musst jetzt in eine Baracke.“
Dann ging es nach Ravensbrück. Auf dem Transport nach Ravensbrück wurde mir meine jüngste Schwester, die ich gar nicht kannte, und was ich überhaupt nicht verstand, in den Arm gegeben. Man sagte zu mir, dass das meine jüngste Schwester wäre. Das verstand ich nicht. Ich hatte ja nur zwei ältere Schwestern in Hamburg. Auf jeden Fall wurde mir das Kind an die Hand gegeben. Sie war zwei Jahre alt. Mir wurde gesagt, dass ich jetzt auf sie aufpassen muss. Sie hatte weißblonde Haare, Locken, blaue Augen. Sie war sehr krank. Das hab ich sogar als kleines Kind mitbekommen, dass sie sehr krank war. Sie schüttelte sich, weil sie hohes Fieber hatte. Dann war es wieder eine lange Fahrt, eine sehr lange Fahrt. Und dann kamen wir in Ravensbrück an. Meine Mutter habe ich in Auschwitz nie gesehen. Ich habe noch vier Geschwister; die sind ebenfalls nach Auschwitz eingeliefert worden, sie wurden mir dort als meine Geschwister vorgestellt. Wir waren alle blond. blauäugig und hatten fortlaufende Nummern. Dieter und Uwe waren Zwillinge, von Elisabeth weiß ich noch, dass sie eine Brille trug. In Auschwitz hatte ich aber keinen weiteren Kontakt mit meinen Geschwistern. Diese drei Geschwister sind nicht mit mir nach Ravensbrück gekommen, nur meine jüngere Schwester Rosemarie wurde mir in die Hand gedrückt, im Viehwagen nach Ravensbrück. Man sagte zu mir: 'Das ist deine Schwester.’ Beim Aussteigen kam ein SS-Mann, der mir Rosemarie weggenommen hat. Es war das letzte Mal, dass ich sie dort gesehen habe. Erst viel später habe ich erfahren, dass sie überlebt hat. Sie lebt heute in der Schweiz und war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal drei Jahre alt.
Als wir in Ravensbrück ankamen, mussten wir uns alle aufstellen. Wir mussten warten, weil die Baracken noch nicht leer waren. Jedenfalls hat man uns das so gesagt. Als wir endlich in die Baracke kamen, musste sich jeder ganz schnell einen Platz suchen. Alle haben gedrängelt. Ich fühlte mich klein und hilflos und stand da herum und hatte keine Koje. Da kam eine Polin und warf mich einfach auf eine solche Koje, in der bereits vier oder fünf Menschen lagen. Sie warf mich einfach auf die anderen Leute. Von diesem Zeitpunkt an war alles sehr schlimm. Über vieles, was in Ravensbrück geschehen ist, kann ich bis heut nicht sprechen.
Wanda habe ich in Ravensbrück auch nicht gesehen. Heute weiß ich, dass sie auch nach Ravensbrück kam aber sie war nicht bei mir. Ich war ganz allein in Ravensbrück. Ich war tatsächlich nicht lange da. Für mich war es aber lang, jeder Tag waren Jahre zu lange. Ich war von Anfang August bis Ende September da. Ich wurde Ende September entlassen.
Ich kann mich noch daran erinnern, wie mein Vater kam und mich abgeholt hat. Ravensbrück war furchtbar für mich. Ich hab zwar nicht so viele schlimme Sachen gesehen wie in Auschwitz, aber für mich war es viel schlimmer in Ravensbrück, denn ich war wieder ganz allein. Ohne einen Erwachsenen, der sich um mich kümmerte. Nun hatte ich schon meine eigene Pflegefamilie nicht mehr und nun vermisste ich auch Wanda. Das war sehr, sehr schlimm für mich. (...)
Morgens mussten wir Appell stehen. Ich hab manchmal gefroren, ich hatte keine Schuhe, nur ein Sommerkleid und einen Schlüpfer, der schon ganz durchlöchert war. In Ravensbrück waren viele Kinder. Manchmal durften wir Kinder in Ravensbrück nach ’Kanada’, so wurde die Baracke genannt, in der Kleidungsstücke, Schuhe usw. aufbewahrt wurden. Die Polin, die mich nach meiner Ankunft auf die Koje geworfen hatte, hat das organisiert. Sie hatte eine Pfeife, und wenn sie trillerte, mussten sich die Kinder so schnell wie möglich aufstellen, das waren dann mindestens 200 Kinder, von denen immer 20 in die Baracke durften. Zweimal habe ich es nicht geschafft. Beim dritten Mal aber stand ich weit genug vorne. Die Polin hat sich die Gruppe genau angesehen - ich war die letzte in der Reihe. Da kam sie auf mich zu, hat mich aus der Reihe herausgezerrt und ein anderes Kind an meinen Platz gesetzt. Dabei hätte ich auch gern warme Schuhe gehabt und etwas Warmes zum Anziehen. Eines Tages geschah wieder etwas für mich ganz Unfassbares. Die Kapo-Polin, die uns rausgejagt hatte, weil es angeblich stank, kam und stellte sich hin und rief mehrmals einen Namen aus. Aber wie gesagt, ich war irgendwie immer ganz abwesend. Ich weiß noch, dass ich sie gesehen habe, wie sie da stand und einen Namen aufrief. Aber ich hab gar nicht gehört, was sie sagte, weil ich zu weit weg war in Gedanken. Auf jeden Fall, nach einer Weile ging es mir dann doch ins Gehirn, was sie da sagte. Und das war eben immer „Else Schmidt. Else Schmidt.“ Und ich kam schließlich zu mir und hab geantwortet. Und sie rief „Komm runter, komm mit mir.“ Und da kletterte ich von diesen vierstöckigen Betten runter und ging mit ihr. Sie sagte „Du wirst entlassen.“
(...) Auf jeden Fall wurde ich dann ins Büro geführt und da saß ich nun mit meinen nassen Haaren und den neuen Sachen an. Sie sagte: „Setz dich da hin.“ Und dann hab ich da auf dem Stuhl gesessen und nach einer Weile geht die Tür auf und mein Pflegevater kommt herein. Ich war aber zu verstört, um mich zu freuen. Ich saß nur da. Was er gesagt hat, weiß ich gar nicht mehr. Auf jeden Fall hatte er nicht viel Zeit, um mit mir zu sprechen, denn danach mussten sofort amtliche Sachen gemacht werden. Da saß ein Mann hinter einem Schreibtisch und Formulare wurden ausgefüllt. Und es ging: „Heil Hitler“ und „Jawoll, Herr Obersturmbandführer“ oder so. Zu guter Letzt musste ich sogar noch an den Schreibtisch und es wurde mir gesagt, „Was du hier gesehen hast, darüber darfst du mit niemanden sprechen. Verstehst du das!?“ Ich musste das sogar unterschreiben, dass ich niemanden etwas erzähle, von dem, was ich erlebt hatte. Und mit meiner kleinen Kinderhandschrift machte ich eine Unterschrift. Das war die erste Unterschrift meines Lebens.
Danach gingen wir dann raus und zu einem Bauernhof und schließlich zum Zug. Mein Vater hatte was zu essen mitgebracht. Die Fahrt war ja nicht sehr lange aber die Züge brauchten manchmal zu der Zeit sehr lange, weil ja Krieg war. Er hatte Mettwurst, und diese guten Sachen. Denn es gab ja kaum Essen.
Ja, dann ging es nach Hause. Alle haben sich sehr gefreut, als ich zurückkam. Sie haben sich gefreut, dass ich wieder zu hause war. Meine Schwester hatte für mich was gebacken. Das weiß ich noch. Drei oder vier Tage brauchte ich nicht in die Schule zu gehen aber danach ging ich wieder zur Schule. Ich musste in der Schule sagen, dass ich sechs Monate wegen der Bombenangriffe bei Verwandten im Harz war. Mein Vater hat mich gefragt, wie das da war, wo ich gewesen war. Meine Mutter hat nicht gefragt. Mein Vater wollte wissen, was da alles los war. Aber was kann ein kleines Kind schon erzählen. Zu der Zeit war es mir noch gar nicht alles wirklich bewusst. Das meiste hab ich gar nicht verstanden, was um mich herum geschah. Ich wusste gar nicht, was das alles bedeutete. So einige Sachen, die ich gesehen hatte, hab ich ihnen erzählt, als würde ich erzählen wie eine Kutsche die Straße herunter fährt. Ich hab ihnen von den vielen Leuten erzählt, von langen Schlangen von Leuten. Ich hab ihnen erzählt, dass da ein Krematorium war, wo Leute verbrannt wurden. Aber ich wusste gar nicht wirklich, was ich da sagte. Und ich hab erzählt, dass ich viele Leichen gesehen habe. Und mein Vater hat gefragt „Wieso verbrannt?“ Er hat mir wohl gar nicht geglaubt. Ich hab ihm aber erzählt, dass mir andere Leute gesagt haben, dass die verbrannt werden. Seine Muskeln im Gesicht fingen an zu zucken, als ich das sagte. Ich nehme an, dass es ihn so mitgenommen hat. Ich erinnere mich noch an sein Gesicht. Seine Muskeln zuckten.
Meine Eltern meinten es gut, dass sie mich wieder in die gleiche Klasse geschickt haben. Aber es war nicht gut. Es war schwierig auch für mich, sechs Monate wieder aufzuholen. Ich ging in die dritte Klasse. Es war ja noch Krieg. Der Krieg war noch nicht zu Ende. Die anderen Kinder waren aber alle wie immer zu mir. Die Kinder sind nicht so neugierig. Ich hab nur erzählt, dass ich im Harz war und nun war ich eben wieder da. Das war für die anderen Kinder in Ordnung. Nur ein Lehrer hat meine Tätowierung, meine Auschwitznummer am Arm gesehen. Meine Mutter hat da ja immer Pflaster drüber gemacht. Aber der Lehrer hatte sich wohl was gedacht wegen meiner Abwesenheit. Ich nehme an, dass er dachte, dass ich jüdisch bin, denn äußerlich sehe ich ja nicht wie eine Sinti aus. Der Lehrer war schrecklich. Ich musste mich vor die Klasse stellen und sollte sagen, was unter meinem Pflaster ist. Und ich wurde ganz steif, ich erstarrte, denn ich wusste, dass ich nicht darüber sprechen durfte. Und ich wollte auch nicht darüber sprechen, denn Kinder wollen ja nicht auffallen, sie wollen doch nicht anders sein als die anderen Kinder. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was ich machen sollte. Und nach einer Weile, nehme ich an, hat er vielleicht gedacht, dass es auch für ihn gefährlich sein könnte, mich zu sehr zu drängen zu sagen, was los war. Ich durfte mich dann wieder hinsetzen. Das war natürlich ein ganz furchtbares Erlebnis in der Schule.
In den folgenden Jahren habe ich nie darüber gesprochen. Nein, ich hab da nie drüber gesprochen. Ich hab mit 21 geheiratet. Mein Mann wusste das. Aber der war nur zwei Jahre älter als ich und das betraf ihn eigentlich gar nicht. Er hat sich eigentlich auch Für ihn waren das meine Eltern in Osdorf. Und das waren meine Geschwister, seine Schwägerinnen. Solche Sachen wurden damals nicht besprochen. Wir hatten ja auch noch keinen Fernseher. Es war 1956. Die einzigen Nachrichten, die man sah, wenn man nicht Radio anmachte, was junge Leute zu der Zeit aber nicht unbedingt machten, gesehen hat man Nachrichten, wenn man ins Kino ging und die Wochenschau sah. Die Wochenschauen zeigten aber nie etwas über Konzentrationslager. Zwar wurde von den Nürnberger Prozessen berichtet, von Heimkehrern, Flüchtlingen und so. Über die KZ wurde nicht berichtet.
Bis das alles so in meinem Kopf aufging, da war ich schon 39 Jahre alt. Das war hier nicht dafür interessiert. Heimkehrern, Flüchtlingen und so. Über die KZ wurde nicht berichtet in England. Wie das passierte, weiß ich nicht. Auf jeden Fall war es sehr schlimm.
Es ist nicht unbedingt viel leichter für mich, hier in England zu leben. Hier weiß kaum jemand viel über mich. Die sehen mich als „normale“ Deutsche. Mein Vater war ein anständiger Mann. Er war ein wirklich anständiger Mann. Es war nicht zu akzeptieren für ihn, was da geschah. Ja, er war ein guter Mann. Und er war nicht der Einzige, der so etwas gemacht hat. Ich weiß, dass es auch Gutes gibt, nur muss ich mich bewusst daran erinnern, denn mein Gehirn will immer nur das Schlechte denken über die Menschen.
Ich bin jetzt fast 67. Ich nehme an, dass ich bis zum Ende meines Lebens o.k. bin. Vor zehn Jahren hätte ich niemals wie jetzt darüber sprechen können. Ich hätte geweint und hätte nicht aufhören können. Ich habe heute mehr Abstand von allem.