Interview: Carmen Spittadeutschen Sintizza (geb. 1970)
Dieses Interview beleuchtet die Bedeutung von Erinnerungskultur aus der Perspektive von Carmen Spitta. Es zeigt, wie Familiengeschichte und gesellschaftliche Aufarbeitung miteinander verbunden sind. Leserinnen und Leser reflektieren die Rolle von Erinnerung in der Gegenwart.
Personen
Carmen Spitta
Carmen Spitta ist eine deutsche Sintizza und Botschafterin gegen das Vergessen. Sie ist die Tochter der Holocaust-Überlebenden und Filmemacherin Melanie Spitta. In ihrer Arbeit berichtet sie von den Erfahrungen ihrer Familie im Nationalsozialismus und von den Auswirkungen, die diese Geschichte bis heute hat. Carmen Spitta engagiert sich insbesondere in der Bildungsarbeit und spricht regelmäßig mit Jugendlichen über Erinnerung, Ausgrenzung und die Bedeutung von Aufklärung.
Der zweite Beitrag besteht aus einem Interview mit Carmen Spitta, Tochter der Zeitzeugin und Filmemacherin Melanie Spitta, deren Familie ebenfalls nach Auschwitz deportiert wurde.Carmen Spitta reflektiert ihre Erfahrungen als Kind einer Holocaust-Überlebenden. Thematisiert werden insbesondere:
- das Aufwachsen in einer Familie, die von Verfolgung und Trauma geprägt war,
- transgenerationale Weitergabe von Erfahrungen und Erinnerungen,
- gesellschaftliche Ausgrenzung und fortbestehende Diskriminierung nach 1945,
- sowie Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Sichtbarkeit.
Das Interview mit Carmen Spitta erweitert die historische Perspektive um:
- transgenerationale Folgen nationalsozialistischer Verfolgung
- gesellschaftliche Ausgrenzung nach 1945
- späte Anerkennung der Opfergruppe
Durch diese Perspektive wird deutlich, dass die Folgen nationalsozialistischer Verfolgung nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs abgeschlossen waren, sondern bis in die nachfolgenden Generationen hineinwirken. Das Material unterstützt die Auseinandersetzung mit der Frage, wie Geschichte erinnert wird und welche politischen Prozesse der Anerkennung vorausgehen.
Das Interview
Ich bin Carmen Melanie Spitta, Botschafterin gegen das Vergessen
Mein Name ist Carmen Melanie Spitta, geboren am 29.07.1970. Ich bin Botschafterin gegen das Vergessen. Ich bin die Tochter von Melanie Spitta und die Enkeltochter von Rosa Keck, deutsche Sintizza, die mit drei Kulturen aufgewachsen ist. Was bedeutet das? Ich bin sehr jung, mit gerade mal neun Jahren, mit meinem Vater damals nach Argentinien gegangen. Das war genau der Zeitpunkt, als meine Mama mit der Filmarbeit begonnen hat.
Meine Mutter Melanie Spitta
Meine Mutter, muss ich dazu sagen, war die erste und einzige deutsche Sintizza, die 1971 Sinti auf dem ersten Roma-Weltkongress in London Deutschland vertreten hat. Sie war schon sehr früh, in frühen Jahren, in der Bürgerrechtsbewegung und hat sich für unser Volk der Sinti eingesetzt. So hat sie im Laufe 1978/79 Katrin Seibold kennengelernt, die Filmemacherin, Dokumentarfilmemacherin, die auf sie aufmerksam geworden ist. Und so hat sie die Möglichkeit gehabt, Filme zu machen über unser Volk und hat mich damals auch mit einbezogen und mich gefragt. Bei uns ist das üblich, dass die Kinder mit einbezogen werden, wenn Erwachsene Entscheidungen treffen. Und so hat sie mir auch Katrin Seibold vorgestellt und mir auch gesagt, die Frau möchte Filme machen über das Schicksal, über unsere Geschichte, was Mama Rosa, so nenne ich sie auch, meine Großmutter, die ich leider nicht haben kennenlernen können, weil sie sehr früh gestorben ist, Ende der 50er, und weil meine Großmutter, muss ich dazu sagen, hat damals meiner Mama mit auf den Weg gegeben: „Erzähle, erzähle, liebes Kind, was für Gräueltaten uns angetan worden sind. Kläre die Menschen auf und fahre an diesen Ort, an diesen furchtbaren Ort“ – damit meinte sie auch Auschwitz-Birkenau – „schau dir diesen Ort an, es ist eine Stadt für sich.“ Dann bin ich mit meinem Vater alleine erstmal nach Argentinien gegangen und es war genau zu dem Zeitpunkt, fand in Argentinien die Diktatur statt.
Mein Leben in Argentinien
Die Militärdiktatur, ein Land, wo man nicht mehr frei sich äußern durfte und es brutal zuging. Meine Mama kam dann auch nach Argentinien, aber immer nur für kurze Zeit und sah auch, wie ich dort aufgewachsen bin. Ich erzähle das, weil ich kam auf die deutsche Schule. Auf der deutschen Schule waren die Altnazis: Leiter war ein Altnazi, im Konsulat waren die Altnazis. Und auf dieser Schule wurde ich mit Heil Hitler und Hakenkreuz immer wieder begrüßt. Ich habe mich auch mit den Kindern angelegt, weil ich war wutentbrannt. Ich wurde ja von klein auf mit dieser Geschichte konfrontiert, mit dem Völkermord, der an uns Sinti, vorwiegend an uns Sinti, also was uns angetan worden ist. Und für mich war es dann ein Grauen zu erleben, wie mich Kinder mit Heil-Hitler-Hakenkreuz begrüßten, mir auf ein Zettelchen dann Hakenkreuze gemalt haben. Natürlich habe ich mich angelegt, habe die Kinder auch geschlagen, aber wer wurde suspendiert? Nicht die, sondern ich.
„Meine Familie wurde ausgerottet“
Einige der Tanten, Großtanten besser gesagt, habe ich kennenlernen dürfen, die Auschwitz überlebt haben. Und ich habe als Kind schon diese furchtbare Traurigkeit gespürt und erlebt: diese leeren Augen, diese unglücklichen Augen, weil der größte Teil meiner Familie war ja schon ausgerottet. Und mich hat man nicht geschont, sondern für Mama war es wichtig, darüber zu erzählen. Und das hat mich auch sehr bedrückt, sehr eingeschränkt, in meiner Kindheit, in meiner Entwicklung ja auch sehr emotional mitgenommen. Diese tiefe Trauer steckt immer noch in mir drin. Nichtsdestotrotz versuche ich so gut ich kann, mein Leben zu meistern und auch schöne Dinge zuzulassen. Und nicht nur mit diesem Warum. „Warum ist meine Familie ausgerottet?“ Das ist meine Geschichte, das gehört zu meinem Leben. Ich bin die letzte noch Lebende meiner Familie. Ich habe keine Familie mehr.
Und solange ich lebe, gebe ich die Stimme meiner Familie, die keiner mehr hat. Das ist auch meine Aufgabe und das gehört zu meinem Leben.
Ich war mit auch im Schneideraum, ich habe auch diese ganzen Akten und immer wieder diese Fotos von vielen Familien auch gesehen, die mich auch heute noch sehr belasten. Man muss sich das so vorstellen, wenn du nur mit Nazis aufwächst, am Esstisch, nur mit Eva Justin, Robert Ritter, den Rasseforschern, morgens, mittags, abends, mit Dr. Mengele, mit Dr. Klein, dass wenn du morgens schon am Esstisch saßt und versuchst dein Brötchen zu essen und es ging schon wieder los und immer wieder und immer wieder. Irgendwann kannst du es auch nicht mehr hören. Irgendwann erträgst du es auch nicht mehr.
Und das hat mich unglaublich auch belastet und mich natürlich auch immer wieder selbst gefragt, warum habe ich so eine Kindheit oder so eine Jugend gehabt? Warum ist mir das passiert, meiner Familie, diese Ungerechtigkeit? Und das holt mich heute auch immer noch ein. Meine Familie ist 1938, mein Urgroßvater, Urgroßmutter nach Belgien emigriert, um sich zu schützen, damit ihnen nicht das gleiche widerfahren wird wie den Juden. Das hat auch mein Urgroßvater in einem Dokument schreiben lassen, wo er das Königsreich Belgien darum gebeten hat, dass man sie an die französische Grenze bringen sollte.
Meine Familie wurde immer abgeschoben. Keiner wollte sie haben. Und das Perverse und Perfide ist, dass man meine Familie damals auf Schritt und Tritt beobachtet hat. Alles wurde aufgeschrieben, alles. Und natürlich haben damals schon die Gestapo mit Belgien zusammengearbeitet und sie wussten genau, wo sie sind, was sie machten, was meine Großonkels, die Musiker waren, abends in Kneipen gegangen sind, musiziert haben, meine Großmutter Spitze verkauft hat oder Blümchen verkauft hat und, und, und.
Mein Arbeit mit den Schulen
Seit zwei Jahren mache ich das, dass ich an Schulklassen mit Jugendlichen spreche, weil ich sage immer, „Ja, ich bin die Tochter von Melanie Spitta, aber ich bin Carmen Melanie Spitta und habe eine eigene Geschichte.“ Und es gibt auch einen kleinen Film über mich, der geeignet ist für Jugendliche. Der geht zwölfeinhalb Minuten, den schauen sich die Jugendlichen an und im Anschluss spreche ich mit den Jugendlichen und erzähle von mir, von meinem Leben und spreche mit ihnen, sie stellen auch hervorragende Fragen. Und so kommt das immer mehr ins Rollen, weil ich sage, es ist wichtig, dass unsere nächsten Generationen nicht vergessen. Und es darf nicht vergessen werden, was meiner Großmutter, meiner Familie, unseren Familien insgesamt angetan worden ist: Der Völkermord an uns Sinti und Roma.
Wenn ich mit dem Film Wiedergutmachung „Das falsche Wort“ im Kino bin, erschreckt es mich, wie viele Menschen nichts darüber gewusst haben, bis sie den Film meiner Mutter gesehen haben, weil sie dann erschüttert sind und mich anschauen mit großen Augen, erschüttert, weinend und sagen: „Das wusste ich ja gar nicht, dass auch den Sinti und Roma das angetan worden ist. Wir dachten immer nur, den Juden hätte dieser Holocaust stattgefunden, aber dass auch die Sinti Opfer sind…“ Und dann versuche ich, denen klarzumachen, man hat versucht, uns sehr früh auszulöschen. Man nannte es die Zigeunerplage. Man versuchte, uns auszurotten. Und das versuchen die Menschen heute noch irgendwie zu verdrängen. Ich meine, damals war es auch nicht einfach, dass meine Mama an diese Akten gekommen ist. Man wollte es leugnen, man wollte nicht, dass es ans Tageslicht kommt. Diese Polizei-Akten, wie sagt so schön meine Mama im Film, sie haben alles aufgeschrieben, aber von nichts gewusst.
Wie ich Rassismus bis heute erlebe
Als ich noch ein Restaurant hatte in Frankfurt, Westend, nicht weit von der Synagoge, und mein Partner hatte sich gerade mit der einen Nachbarin wieder in der Wolle, war ein großer Disput. Und diese Nachbarin, ich war drinnen, die Tür war offen vom Restaurant, sagt sie wortwörtlich in dieser ganzen lauten Diskussion: „Wenn Hitler jetzt noch leben würde, hätte der dich schon längst in die Gaskammer geschickt.“ Was will man dazu sagen? Ich weiß nur noch, wie mein Partner gebrüllt hat, hat meinen Namen gerufen, Carmen. Und dann bin ich raus und habe gesagt: „Was war das bitte schön? Was ist das für eine Unverschämtheit und so infam?“ Das war schon abartig pervers. Das ist zehn Jahre her.
Letztes Jahr habe ich die Erfahrung gemacht, ich wollte unbedingt etwas zusätzlich zu dem, was ich ja mache, dass ich für Obdachlose die Lebensmittel rette, oder auch für Rentnerinnen und Rentner, die sehr wenig haben, und die Lebensmittel dann zusammenstelle und den Menschen bringe. Mit Respekt. Auf Augenhöhe. Was ist passiert? Ich bin in der katholischen Kirche, die ehrenamtlich einmal die Woche Frühstück machen für Obdachlose. Deutsche. Und ich habe ein anderes Auftreten. Ich sehe schon anders aus. Obwohl wir ja mittlerweile ein sehr multikulturelles Land sind. Und eigentlich auch sehr tolerant sein sollten. Eigentlich. Ich betone es. Ich wurde angeschaut, ich wurde erstmal eingescannt. Und ich komme aus der Gastro-Szene. Und in dieser Gastro-Szene weiß ich, wie was funktioniert. Man wollte mich belehren, man hat mich behandelt wie ein kleines Kind: „Nein, nein, nein. Das müssen wir noch üben. So geht das nicht, nicht mit den Fingern, denen das gebe!“. Aber vor mir haben vorher alle mit den Fingern, die sie nicht gewaschen haben, den Leuten, die nochmal drum gebeten haben, noch ein Stück Wurst oder irgendetwas auf ihren Teller zu bekommen. Das war das eine. Aber der Clou kommt. Am ersten Tag sieht mich die eine so fixiert an und fängt an zu singen „Du schwarzer Zigeuner…“. Es gibt ja dieses Lied. Und sang und sang und guckte mich mit funkelnden Augen an. Die anderen Teilnehmer von diesem ehrenamtlichen Frühstück haben sich weggedreht. Und sie guckte mich immer wieder an und sang und sang. Habe ich gesagt, „Sehr schönes Lied, ja“. Natürlich, zynisch. Beim zweiten Mal fängt sie wieder an. Und das dritte Mal wieder. Und provoziert. Ich habe nichts gesagt, weil ich weiß es nicht, wie die Menschen darauf gekommen sind. Ich habe nicht das Aushängeschild „Ich bin Sintizza“.
Für mich ist es ganz wichtig, sichtbarer zu machen. Gerade unsere Verfolgungsgeschichte. Und dass wir als Nachkommen eingeladen werden. Weil die Zeitzeugen sind fast alle schon ausgestorben. Und die, die noch da sind, sind so alt und gebrechlich, die können nicht mehr an Schulen gehen. Jetzt sind wir an der Reihe. Wir Enkelkinder, oder Kinder, dass wir sprechen. Dass wir weiter die Geschichte erzählen. Und ich habe es gesehen, anhand wie ich mit den Kindern spreche. Und auch meinen Onkel zeige, mit dem Foto, was ich von ihm habe. Wo er am Tisch sitzt und schreibt. Es gab die Möglichkeit, dass auch unsere Kinder zur Schule gingen, bevor sie deportiert worden sind. Und wenn die Jugendlichen dieses Bild sehen, dann können sie sich identifizieren. Und deswegen ist es so unglaublich wichtig, sichtbar Gesichter zu zeigen, Namen zu geben oder zu nennen. Und nicht nur zu erzählen, so abgedroschen, irgendwas, was im Buch, im Lehrbuch steht. Sondern, dass sie es spüren können, sehen können, fühlen können. Und ich sage auch immer wieder, es ist wichtig, dass die Jugendlichen nicht gelangweilt in den Raum kommen. Sondern, dass sie Fragen stellen können, Löcher in den Bau fragen können. Und dass sie nicht im Anschluss ein Referat schreiben müssen. Sondern, dass was sie aufgenommen haben, das Krümellchen, was bei ihnen hängen geblieben ist, dass sie das verarbeiten. Ein Lied komponieren. Mit Ton arbeiten, mit Holz. Ein Bild malen. Oder irgendwas Kreatives. Das, was sie innerlich bewegt nach meiner Geschichte. Dass sie da was draus machen. Und nicht dieses Abgedroschene und Gelangweilte, was leider an den Schulen Standard ist.
Quellen
Carmen Spitta
Interviewer: David Herl
Datum: 19.11.2025
Quelle: Romano Sumnal e.V.
Weitere Materialien
Weitere Materialien und Aufgaben, die inhaltlich an dieses Material anschließen.
Arbeitsblatt:Carmen Spitta
Dieses Arbeitsblatt thematisiert die Bedeutung von Erinnerung anhand der Erfahrungen von Carmen Spitta. Es zeigt, wie Geschichte über Generationen hinweg weitergegeben wird. Schülerinnen und Schüler reflektieren die Rolle von Erinnerungskultur in der heutigen Gesellschaft.
Arbeitsblatt:Carmen Spitta
Dieses Arbeitsblatt thematisiert die Bedeutung von Erinnerung anhand der Erfahrungen von Carmen Spitta. Es zeigt, wie Geschichte über Generationen hinweg weitergegeben wird. Schülerinnen und Schüler reflektieren die Rolle von Erinnerungskultur in der heutigen Gesellschaft.
Einführendes pädagogisches Material
Dieses pädagogische Material bietet einen Überblick über zentrale Lerninhalte zu Antiziganismus. Es verbindet historische Zeugnisse, aktuelle Perspektiven und audiovisuelle Formate. Lehrkräfte erhalten eine strukturierte Grundlage für den Einsatz im Unterricht.