Interview: Sejnur MemishiMedien und Aktivismus

Dieses Interview thematisiert Medienarbeit und Aktivismus aus der Perspektive von Sejnur Memishi. Es zeigt, wie digitale Plattformen genutzt werden können, um auf Diskriminierung aufmerksam zu machen und Gegenstimmen zu stärken. Leserinnen und Leser setzen sich mit Strategien gegen Hass und Vorurteile auseinander.

Bereich

Module für Schüler*innen

Klassenstufe

Klassenübergreifend

Materialformat

Interview

Themen

Aktivismus & Empowerment, Medien & digitale Öffentlichkeit

Personen

Sejnur Memishi

Personen

Sejnur Memishi

Sejnur Memisi ist Journalist, Podcaster und Roma-Aktivist. Er beschäftigt sich in seiner Arbeit insbesondere mit Themen rund um Sinti und Roma, Antiziganismus und gesellschaftliche Teilhabe. Er produziert unter anderem den Podcast „Amaro Voice“ (unsere Stimme), in dem er aktuelle Themen aufgreift und Perspektiven aus der Community sichtbar macht.

Instagram:
@amaro_voice
@sejnur_memisi

In seiner Arbeit verbindet er journalistische Berichterstattung mit aktivistischem Engagement und setzt sich dafür ein, Vorurteile abzubauen und Aufklärung zu leisten.

Ich bin Sejnur Mimisi, Journalist und Roma-Aktivist und mache seit fünf Jahren Podcasts über Sinti Als Rom habe ich vor allem in der Schule und im Beruf sowohl negative als auch positive Sachen erlebt.

In der Schule habe ich erst ab der achten Klasse angefangen einigen Freunden zu sagen, dass ich Roma bin. Da gab es einige Lehrer, die ausländischen Schülern gegenüber anders behandelt haben  Deutsche. Ich wurde jetzt nicht krass diskriminiert und es gab auch keinen Extremfall bei uns an der Schule, aber gespürt hat man den Rassismus schon. Bei unserer Klassenlehrerin ab der achten oder neunten Klasse hat man gemerkt, dass sie Ausländer nicht mochte: Die, die gestört haben, oder bei denen sie dachte sie stören, wurden schon sehr von ihr angemeckert.

In meiner Schulzeit hatte ich den serbischen Pass. Also ich habe Migrationshintergrund.  Meine Familie ist damals aus dem Kosovo- Krieg geflohen. Obwohl ich das Wort nicht so mag, weil ich mittlerweile deutscher Staatsbürger bin. Das klingt komisch: „mit Migrationshintergrund“.

Vor meinem Studium, habe ich im beruflichen Umfeld Antiromaismus erlebt. Damals habe ich ein Praktikum bei einem öffentlich-rechtlichen Sender gemacht. An meinem ersten Arbeitstag drehte das Fernsehteam einen Beitrag über geflüchtete Roma aus dem Kosovo im Flüchtlingsheim in Trier. Ich wollte dem Team helfen zu übersetzen, weil die keine Dolmetscher hatten. Ich war naiv und habe mich geoutet und gesagt, dass ich Roma bin und ich auch gerne für sie  übersetzen könnte. Das war ein Fehler. Denn dann waren sie erstmal überrascht. Der Journalist, der den Beitrag gemacht hat,  war extern vom SWR ARD. Der hat sich gefreut, dass ich helfen konnte, zu übersetzen. Aber der Kameramann, mit dem ich die nächsten Tage immer arbeiten musste, der war sehr grob mir gegenüber. An dem Tag hat er es noch nicht gezeigt, aber in den nächsten Tagen, hat er hat mich so behandelt, als hätte ich überhaupt keine Rechte, mich angeschrien, ohne Grund gemeckert.Er hat mich die nächsten Tage immer wieder diskriminiert und  gequält und alles mögliche versucht, damit ich das aufgebe und nicht beruflich etwas in den Medien mache.

Es war immer mein Traum fürs Radio zu arbeiten und eine Sendung zu haben. Mein Vater war  mein Vorbild. Er hat im Kosovo als Journalist gearbeitet und eine eigene Radiosendung gehabt. Als Kind durfte ich ihn einmal im Radio besuchen. Seitdem wollte ich das auch machen. Das hat aber nie so geklappt. Auf Bewerbungen habe ich immer Absagen bekommen. Ob das etwas mit Rassismus zu tun hatte kann ich nicht sagen. Möglich ist es. Das Fach-Abi zum Mediengestalter hatte ich in der Tasche. Aber mein Interesse blieb bestehen, trotz der Absagen. Ich hatte schon angefangen Podcasts zu hören, bevor es mit deem Podcast-Hype in Deutschland losging. Das war 2015, 2016. Da hab ich verschiedene Podcasts aus den USA aber auch aus Deutschland gehört. Ganz klassische True Crime Podcast und so.

2017 habe ich dann  begonnen mich aktivistisch zu engagieren. Zwischen 2017 und 2019 war ich auf verschiedenen Gedenkveranstaltungen für Jugendliche aus unserer Community und habe an internationalen Empowerment Workshops teilgenommen. Ich war auch beim Gedenken in Auschwitz, und am 8. April, für den Internationalen Tag der Roma in Brüssel bei der Roma Week und so weiter. In jedem Jahr hatte ich die Möglichkeit  Zeitzeugen zu treffen, mich mit ihnen zu unterhalten, Fragen zu stellen. Das war wirklich sehr stark.  Raymond Gerim zum Beispiel. Er wurde von den Nazis öfters verhaftet und in verschiedene Lagern in Deutschland und Frankreich, deportiert, auch in Konzentrationslager. Doch jedes Mal konnte er fliehen, ist dann zum Beispiel arbeiten gegangen, hat Geld gesammelt, hat Lebensmittel und Getränke besorgt und ist wieder freiwillig in die Lager zurückgekehrt, um seiner Familie und den anderen Inhaftierten heimlich Lebensmittel zu bringen. Er hat dann auch überlebt. Die meisten seiner Familienangehörigen sind gestorben. Auf der Gedenkfahrt nach Auschwitz ist er damals freiwillig mit uns Jugendlichen im Bus nach Polen gefahren. Das hat er jahrelang gemacht. Die Fahrt dauerte mindestens 16 Stunden. Er wollte einfach unter Jugendlichen sein, er wollte die Jugendlichen empowern. Er war auch immer einer der Letzten, der noch abends wach war und mit den Jugendlichen feiern wollte. Er hat immer starke Reden gehabt und hat gesagt, „Die wollten mich unterdrücken und dass ich in den Knie gehe,  aber ich habe mir das nicht gefallen gelassen, ich habe immer Widerstand geleistet.“ Für diese Erfahrungen und Begegnungen bin ich den Organisationen sehr, sehr dankbar. Dann hab ich gedacht, okay, das wäre schon wichtig, das was ich als Aktivist bei Workshops gelernt habe weiterzugeben.

Ich wollte immer noch Radio machen und hatte dann überlegt ob sich beide Interessen verbinden lassen. Ich recherchierte zu Audio-Beiträgen über Sinti und Roma. Auf Spotify und in öffentlich-rechtlichen Sendern habe ich vielleicht zwei, drei Sendungen gefunden, wo es um Sinti Roma ging. Das waren  Interviews mit Romani Rose. Sonst gab es nichts. Während der Corona-Pandemie hatte ich etwas Zeit. Ich hatte ein ganz schlechtes Mikrofon mit AUX-Anschluss für den Laptop. Das hatte wirklich eine sehr schlechte Qualität. Aber ich dachte mir, ich fange einfach an und gucke, was ich daraus mache.

Für meine Podcasts bei Amaro Voice gab es bisher nur positives Feedback. Es erreicht aber  hauptsächlich nur die Community oder Menschen, die nicht zur Community gehören, aber sich für Sinti und  Roma interessieren. Vor den Podcasts auf Amoro Voice, habe ich auf TikTok gepostet. Da gab es immer wieder Hasskommentare. Einmal hatte ich darüber berichtet, dass die Polizei in Griechenland einen jungen Rom umgebracht hat. Ich habe  ein Video für YouTube dazu gemacht und dann kurze Versionen davon auf TikTok hochgeladen. Das wurde viel kommentiert. Es gab Hasskommentare, aber auch so Leute, die schrieben, dass das die Polizei gut und richtig gemacht hat. Auf TikTok war schon einiges. Wenn die KOmmentare nicht so extrem sind, lasse ich sie manchmal stehen. Aber in den meisten Fällen, bei extremen Hasskommentaren, vor allem, wenn sie sehr rassistisch sind, lösche ich sie. Einfach auch um andere aus der Community nicht zu triggern, die sich sich vielleicht die Kommentare anschauen.

Mit meinen Podcast-Episoden erzähle ich Geschichten und poste Basics über Sinti-Roma. Ich möchte mit meinem Content aufklären und ich hoffe dazu beizutragen Rassismus und Stereotype abzubauen.

Quellen

Sejnur, 18.10.2025
Quelle: Romano Sumnal e.V.

Weitere Materialien

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